Tippen und Traben
Pferdejournalistin und Buchautorin Christine Lange ist auf der Tastatur ebenso zuhause wie im Sattel oder Sulky.
Schatz: Konnten Sie eher Schreiben oder Reiten?
Frau Lange: In einem Alter wo man beginnt das Schreiben zu lernen, also mit etwa 6 Jahren, wohnte ich noch in Kiel und erlebte dort noch die schöne Zeit, in der noch viele Pferdefuhrwerke in der Stadt unterwegs waren. Ich erinnere mich dabei besonders gern an meine erste Pferdefreundin, die Fuchsstute Minna, die einen Kohlenwagen zog. Ich hatte viel Freude daran sie bei ihrer schweren Arbeit zu begleiten, ihr etwas zu erzählen und bei den Entladungspausen ein Leckerli zu spendieren. Dann entdeckte ich in der Nähe meines Zuhauses, einen Reitstall und habe mich dort mit Feuereifer dem Pferdeputzen gewidmet.
Schatz: Die ersten Schritte in die richtige Richtung.
Frau Lange: Darauf folgte bald ein Umzug nach Wilhelmshaven, wo sich zu meiner Freude ganz in der Nähe der neuen Wohnung, ein Bauernhof mit Reitstall befand. Natürlich habe ich nicht lange gezögert und mich dort um den ersten Reitunterricht bemüht. Ein Kavallerist alter Schule, der den Reitstall leitete, ließ uns Reitschüler aber erst ausgiebig Pferde und Zaumzeug putzen, bevor es endlich los ging. Dann begann ein harter Unterricht und obwohl ich oft den Tränen nahe war, habe ich sehr gut bei ihm reiten gelernt. Um die Reitstunden bezahlen zu können habe ich in Hotels geputzt und in Frühstücksküchen gearbeitet. Es war trotzdem eine tolle Zeit und der Kavallerist verstand sein Fach. Ein echter Horseman, wie man heute sagen würde.
Schatz: Reiten konnten Sie nun.
Fra
u Lange: So ziemlich. Ich konnte es dann noch wesentlich verbessern und vervollständigen, als ich nach Bonn umgezogen war und auf dem Rodderberg bei Dirk Schneider die Grundausbildung in Vielseitigkeit bekommen habe. Ich habe dort auch Jagden geritten und etwas springen gelernt. Später konnte ich im bekannten Trainingsstall Leckebusch noch an einem Grundkurs im Westernreiten teilnehmen und Walter Feldmann im Gangpferdezentrum Aegidienberg hat mich das Tölten gelehrt.
Ganz besonders aber war es die Begegnung mit Ursula Bruns, die meinem Pferdeweg eine neue Richtung gegeben hat.
Schatz: Und nebenbei haben Sie geschrieben?
Frau Lange: Ja - nachdem sich meine erste Pferdereportage schon kurz nach meinem Schulende und auch mehr zufällig ergeben hatte. Ich war von einer Reiterreise aus Südspanien zurückgekehrt. Es war ein Wanderritt auf Andalusier und Hispano-Araberpferden. Die grandiose Landschaft hatte mich tief beeindruckt, so dass ich bald darauf die Geschichte einfach mal aufschrieb. Zu dieser Zeit hatten wir ein Abo bei der Frankfurter Allgemeinen und deshalb schickte ich, ohne groß darüber nachzudenken, die Story der Zeitung. Einige Zeit später rief mich der Redakteur an und fragte nach, ob ich auch ein paar Fotos zur Geschichte beilegen könnte. Ich hatte mit meiner Einfachkamera natürlich auf der Reise fotografiert und schickte den Film nach. Als ich dann tatsächlich in der nächsten Wochenendausgabe meine Geschichte, ganzseitig und bebildert vorfand, war ich verständlicherweise gänzlich aus dem Häuschen vor Freude. Als dann noch kurze Zeit später, ein für mich fürstliches Honorar auf meinem Konto einging, stand meine berufliche Ausrichtung fest
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Sc
hatz: Verständlich. Ein toller Start.
Frau Lange: Nun gab ich Gas und fing an, Kurzgeschichten zu schreiben. Zufällig erfuhr ich, es muss im Winter 1985 gewesen sein, dass der Verlag der Deutschen Reiterlichen Vereinigung ein Jubiläum feierte und dafür einen Schriftsteller-Wettbeweb ausgeschrieben hatte. Jetzt hatte ich noch genau vier Tage Zeit um mich mit meiner besten Pferdegeschichte ins Rennen zu werfen. Allerdings wollten wir gerade in den Winterurlaub fahren und so durfte ich meine Familie damit überraschen, dass die Schreibmaschine mit ins Reisegepäck musste. Bald darauf saß ich in unserer Ferienwohnung und kramte in meinen Erinnerungen: an mein erstes Lieblingspferd, die anstrengenden Reitstunden bei meinem Kavalleristen und vieles mehr. Ich brachte alles zu Papier (damals noch auf einer ganz normalen Schreibmaschine), steckte es in einen Umschlag, schickte es zum Verlag und vergaß das Ganze, denn ich war ja im Urlaub.
Schatz: Die Zeit verging, das Glück blieb?
Frau Lange: Tatsächlich klingelte nach ein paar Wochen das Telefon und der Verlagsleiter freute sich, mir die schöne Überraschung überbringen zu dürfen, dass ich mit meiner Pferdegeschichte den ersten Preis gewonnen hatte. Dann hat er mich noch herzlich eingeladen, den Preis bei einer größeren Veranstaltung entgegen zu nehmen.
Freudig bewegt machte ich mich zum abgesprochenen Termin auf den Weg, nahm den für mich reservierten Platz ein und freute mich über die Lobesworte, die vor so vielen Menschen über mich gesprochen wurden.
Ganz besonders stolz war ich auch über das Lob meines Platznachbarn, ein älterer Herr, der mich mehrmals am Arm berührte und freundlich sagte: Das haben Sie sehr schön gemacht und Machen Sie weiter so. Und weil es sich hierbei um unseren beliebten Josef Neckermann handelte, wird mir das Erlebnis unvergesslich bleiben.
Sc
hatz: Nun gab es kein Zurück mehr.
Frau Lange: Und auch kein Halten. Ich habe dann zwar, weil ich viel gereist bin, noch etliche Reiseberichte geschrieben, aber immer öfter drehte es sich dabei um Pferde. Durch diesen Beruf habe ich dann auch erfreulich viele Reitstilrichtungen und Pferderassen kennenlernen und ausprobieren dürfen. So erinnere ich mich z.B. an Egon von Neindorff und das Erlebnis, eine seiner Lipizzanerstuten reiten zu dürfen oder auch an meine erste Begegnung mit einem töltenden Großpferd, das damals im Sportpferdestall so etwas wie eine Sensation war. Allmählich erschienen viele neue Pferderassen, so genannte Exoten, in der Pferdeszene. Das erste Gangpferdetreffen in Aachen bleibt mir unvergessen. Hier wurden die ersten Nicht Isländer aus den Staaten vorgestellt wie Paso Peruano, Paso Fino und Tennesee-Walking-Horses.
Besonders gern erinnere ich mich an die großen, sehr eleganten American-Saddlebreds, die ich bei Lisa Heres-Rosenberger kennen lernen und auch reiten durfte. Bei dieser Begegnung hatte ich auch meine große Leidenschaft für das Fahren entdeckt und ließ daher kurze Zeit später meine Stute Leika bei Walter Feldmann einfahren.
Schatz: Ein ständig wachsender Bekanntenkreis.
Frau Lange: Das brachte der Beruf so mit sich mit unvergesslichen Erlebnissen in Folge. Wie die Begegnung mit Wanderreiterpapst Herbert Fischer beispielsweise, den ich auf vielen Ritten journalistisch begleiten durfte. Er hatte damals versucht, die schöne, meist fuchsfarbige Rasse der Mangalarga Paulista in Deutschland bekannt zu machen. Herbert Fischer gründete die Deutsche Wanderreiter Akademie (DWA) und verhalf dieser neuen Reitdisziplin zum Durchbruch.
Sc
hatz: Was Sie sehr freute?
Frau Lange: Ja, denn es war mir ein besonderes Anliegen, mehr Verständnis für Freizeitreiter zu wecken, schließlich gab es damals noch sehr viele Vorurteile. Man hörte oft über Freizeitreiter Sätze wie: Das sind die, die sich auf keinem Turnier sehen lassen können, die sich keine Mühe geben korrekt zu reiten - die einfach nur mit ihren Pferden durch die Landschaft schlurfen. Gegen diese Fehleinschätzung hatte schon Ursula Bruns, tapfer und letztlich erfolgreich angekämpft.
Schatz: Es ging voran damit?
Frau Lange: Durchaus. Die Vereinigung der Freizeitreiter und fahrer in Deutschland (VFD) hat hier sehr viel bewegt. Zum Beispiel die Freizeitreiterpässe in verschiedenen Abstufungen. Auch der erste Trekkingclub entstand und nahm seine Arbeit auf. Die Islandpferdereiter-und Züchtervereinigung entwickelte sich in geradezu rasantem Tempo.
Zu erwähnen ist unbedingt auch Wolf Kröber, der die Equitana zur weltgrößten Pferdemesse machte und dem es gelang, die Freizeitreiter gleichwertig zur klassischen Reiterei zu positionieren.
Schatz: Es war erfolgreich?
Frau Lange: Ich denke ja. Und hoffe, dass ich auch mit meinen Büchern dazu etwas beitragen konnte. Insbesondere möchte ich das Verständnis dafür wecken, dass ein Pferd, gleich welcher Rasse, erstmal ein Lebewesen ist. Es wünscht sich nicht nur meinen Respekt, sondern auch meine Einsicht, es immer im Rahmen seiner Möglichkeiten, aber nicht meiner Wünsche und Hoffnungen auszubilden. Nur so haben Mensch und Tier Freude mit- und aneinander.
Schatz: Ein schönes Motto für freudiges Schaffen.
Frau Lange: Meine Möglichkeiten zum weiteren Schaffen sind durch meine Krankheit leider begrenzt worden. Ich habe in meinem letzten Buch Bodenarbeit schon wegen Rückenproblemen nicht mehr oft in den Sattel gekonnt und es kam leider noch einiges mehr hinzu. Dennoch ist in dieses Buch meine gesamte Erfahrung eingeflossen, besonders jene, welche ich bei der Ausbildung meiner Leika auf der Anlage von Martin Feldmann machen konnte.
Leika ist mein Traumpferd schlechthin, ein aufmerksames, liebenswürdiges Pferd, das auf minimalste Zeichen reagiert.
